04. März 2019

Werkstatt-Treffen der Stadtteil-Historiker

von unserem Gastautor

Die Werkstatt-Treffen sind ein wichtiges Element des Stadtteil-Historiker-Programms der Stiftung. Hier lernen die Hobby-Historiker Vorgehensweisen und Forschungsmethoden. Das erste der siebten Generation fand kürzlich statt. Stipendiat Axel Kiltz berichtet.

Axel Kiltz steht auf dem Gruppenbild der aktuellen Stadtteil-Historiker-Generation in der hintersten Reihe, 2. v. r. Foto: Dominik Buschardt


Natürlich bestand der Start des Werkstatt-Tages aus einer Tasse Kaffee. Doch danach ging es bereits ans Eingemachte. Nach der Begrüßung durch Projektleiterin Dr. Katharina Uhsadel der Stiftung Polytechnische Gesellschaft wurde uns Professor Dr. Frank Bernstein vorgestellt, der Referent unseres Werkstatttages.

Herr Prof. Bernstein ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Frankfurt. Er referierte über das Thema "Von den Zeugnissen der Vergangenheit zur Darstellung der Geschichte – oder: Wie bringen wir die Quellen zum Sprechen, wenn wir 'Geschichte schreiben'?". Nach einer etwa halbstündigen Einführung in das Thema ex cathedra wurde die Veranstaltung im Seminarstil weitergeführt. Behandelt wurde ein Text, der bereits vor einiger Zeit den Stadtteil-Historikern ausgehändigt worden war und der auch bereits mit Projektbetreuer Dr. Oliver Ramonat beim letzten Monatstreffen in Bockenheim vorbesprochen war: Die Festrede des Historikers Professor Reinhart Koselleck anlässlich des 150- jährigen Bestehens des NRW Staatsarchivs Düsseldorf/ Münster. Dieser Beitrag ist überschrieben mit "Archivalien – Quellen – Geschichten".

Herr Professor Bernstein klärte uns über Arbeit und Bedeutung von Professor Reinhart Koselleck (*1923, † 2006) auf, der zuletzt bis zu seiner Emeritierung 1988 den Lehrstuhl für Theorie der Geschichte an der Universität Bielefeld innehatte. Als solcher hat er auch 1982 die Festrede gehalten. Ein bedeutendes Werk von Prof. Koselleck ist seine Dissertation "Kritik und Krise" aus dem Jahr 1973, die von Carl Schmitt beeinflusst ist. Ein wichtiger Forschungsansatz von Prof. Koselleck war die sogenannte "Begriffsgeschichte". Herr Prof. Bernstein qualifizierte Reinhart Koselleck als "Meister der kleinen Form", der in eher kürzeren Texten sein Wissen zu Papier brachte, die vergleichsweise einfach zu verstehen waren.

Damit war die Überleitung zur Diskussion des Festredenausschnitts gefunden. Professor Bernstein ging auf die wichtigsten Aussagen in den drei Bestandteilen des Textes (Einleitung, Hauptteil, Fazit) ein und diskutierte diese mit den Teilnehmern.

Angesprochen wurden unter anderen folgende Begrifflichkeiten:

Aus dem Einleitungsteil:

  • das Archiv als Scharnier der Tür zur Vergangenheit
  • die Aufgabe, das Archivgut der Öffentlichkeit zugänglich zu machen
  • die Bedeutung sich verkürzender Sperrfristen für Archiv, Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit.

Aus dem Hauptteil:

  • Probleme mit der Abfolge Archiv <-> Quelle <-> Geschichte
  • Gegenüberstellung der Begriffe Tradition und Überrest
  • Was wird "für wichtig" gehalten und wie ändern sich die Selektionskriterien zu Archivgütern?
  • Zusammenhang zwischen Akten und Bürokratie, Begriff "Aktenlage"
  • Probleme der Datenspeicherung bei der immer stärker wachsenden Menge des Schriftguts, Archivgutvernichtung
  • Einengung des Fragehorizonts („Manches ist nicht mehr sagbar“
  • Der Historiker darf jede Frage stellen, auch wenn es weh tut
  • Quellen sind nicht aufzuzählen, sondern zu gewichten
  • Die Geschichte nimmt keine Rücksicht auf die Historiker
  • Das Nichtvorhandensein von Quellen bzw. die fehlende Aussagekraft von Archivgütern: "Das Lesen zwischen den Zeilen"
  • Der Einfluss von Erfahrung und Empathie ("Sonst erkennt man nur, was man sucht").

 Aus dem Schlussteil:

  • Das Vetorecht der Quellen
  • Das Archiv als institutioneller Umschlagsplatz für die historische Wahrheitsfindung
  • Bei der Recherche müssen Historiker sich immer wieder die Frage stellen: „Was mache ich hier eigentlich?“
  • Bei der praktischen Tätigkeit als Historiker sollte man sich immer wieder geistig erfrischen an der Theorie.

Die Zusammenarbeit mit Prof. Bernstein endete kurz nach Mittag. Im Anschluss wurden uns die beiden Leiter der Praxisworkshops am Nachmittag vorgestellt, der Historiker Robert Brandt sowie der Leiter des Universitätsarchivs Frankfurt, Herr PD Dr. Michael Maaser. Nach der Mittagspause trafen sich die Stadtteil-Historiker in zwei Gruppen á zwölf Personen mit dem jeweiligen Workshop-Leiter.

Herr Brandt referierte einführend über die Begriffe:

  • Thema und Fragestellung: diese sollten immer wieder schriftlich fixiert werden. Das Thema ist so eng wie möglich einzugrenzen. Es ergibt nicht die Fragestellung. Diese ist gesondert zu formulieren.
  • Zeitplan aufstellen: Wie lange recherchiere ich?, Genügend Zeit für die Darstellungsform einplanen, Prinzip: „gemeinverständlich und trotzdem gehaltvoll“
  • Hilfsmittel: hier wurden die Arbeit im Stadtarchiv, in der Unibibliothek und in weiteren möglichen Archivstätten angesprochen
  • Darstellungsform: bei der aktuellen Gruppe meist in schriftlicher Form, es wird aber auch eine Fotoausstellung geben sowie den einen oder anderen Vortrag. Hinweis "Schreibblockade": immer wieder Fragestellung eingrenzen, auch bereits während der Recherchephase

Sodann konnte jeder der Teilnehmer in fünf Minuten sein Thema darstellen und die wichtigsten offenen Punkte nennen, darauf gab es jeweils weitere fünf Minuten Diskussion mit Herrn Brandt zu diesen offenen Punkten. Herr Brandt fragte bei den Teilnehmern dabei immer wieder nach: "Was ist Ihr Thema? Und was ist Ihre Fragestellung?"

Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, bei der auch Prof. Bernstein, Dr. Ramonat und die Teilnehmer immer wieder Ideen einbrachten, auf welche Weise man bei Ämtern, Bibliotheken, Zeitzeugen, sonstigen Personen zum jeweiligen Thema Auskünfte erhalten könne.

Herr Dr. Maaser eröffnete die Arbeit in seiner Gruppe ebenfalls mit einigen grundlegenden Überlegungen. So sollen sich die Stadtteil-Historiker immer wieder vor Augen führen, was ihr Erkenntnisinteresse ist. Er machte den Stipendiaten auch noch einmal den grundlegenden Unterschied zwischen Archiven (gegliedert nach dem Provenienzprinzip, also der einliefernden Stelle; in der Regel ist die Archivalie nur einmal vorhanden) und Bibliotheken (geordnet nach dem Pertinenzprinzip, also z. B. einem Schlagwortkatalog; die dort verwahrten Bücher existieren in vielen Ausfertigungen) bewusst. Er appellierte an die Stadtteil-Historiker: "Behandeln Sie den Archivar gut!". In der Regel ist ein gut vorbereitetes Gespräch mit dem Archivar von unschätzbarem Wert, da nur er den Bestand vollends überblickt und wertvolle Hinweise geben kann. Die Arbeit in Archiven erfordert Hartnäckigkeit und Ausdauer. Außerdem ist seitens des Suchenden eine gewisse Findigkeit notwendig. So können sich beispielsweise auch Begrifflichkeiten im Laufe der Zeit gewandelt haben, sodass man unter verschiedenen Schlagworten suchen sollte (z. B. Obdachlose, Vagabunden).

Anschließend stellten auch in dieser Gruppe alle Stadtteil-Historiker ihre Projekte knapp vor und erhielten von Herrn Dr. Maaser jeweils eine individuelle Rückmeldung und weiterführende Hinweise. Schon in diesem frühen Stadium der Projektarbeit fiel auf, dass durch die Arbeit der Stadtteil-Historiker neue Facetten erschlossen werden konnten (z. B. fehldatierte Geburtsjahre, vermutlich falsche Geburtsorte etc.).

Schlussendlich versammelte Frau Dr. Uhsadel die Gruppe noch einmal im Seminarraum, wo es die Resümees der Workshop-Leiter gab. Beide würdigten die Zielstrebigkeit und Themenvielfalt der Stadtteil-Historiker und die immer größere Professionalisierung des Projekts. Und wie der Tag anfing, endete er auch. Mit einer Tasse Kaffee, allerdings mit dem Unterschied, dass wir Stadtteil-Historiker dank des Werkstatttages nicht nur Koffein, sondern vor allem nochmal kräftig Selbstvertrauen getankt haben. 

Text: Axel Kiltz

Über den Autor

Axel Kiltz ist Stadtteil-Historiker der 7. Generation. Er forscht im Westend zum Thema "Im Schatten der Dame: Julia Virginia und Richard Laengsdorff (1877-1942)".