05. September 2017

Wir und ich in der Postmoderne: Epochenwandel unter der Lupe

von unserer Gastautorin

MainCampus-doctus-Stipendiatin Helena Esther Grass fragt sich in ihrem Essay, ob die Werte der Aufklärung heute noch Orientierung bieten. Dieser Artikel stammt aus der Polytechnik 1/2017.

Helena Esther Grass im Städelgarten vor dem Werk "Integration Wandlinsen" von Adolf Luther. Bild: Dominik Buschardt


Versteht man die Moderne als Epoche, die mit der Französischen Revolution 1789 beginnt und ein bestimmtes Projekt verfolgt – Vorrang des Individuums, Freiheit der Massen, Säkularisierung, Abschaffung der Stände, die Ideale der Aufklärung also –, dann ist fraglich, ab wann genau wir von der Postmoderne sprechen müssen. Und warum wir überhaupt von der Postmoderne sprechen müssen.

Greifen wir zur Erklärung auf den Vater des Begriffs zurück, Jean-François Lyotard, der 1979 ein kleines Bändchen mit dem Titel "La condition postmoderne" veröffentlicht. Darin eröffnet er uns nicht weniger, als dass das Projekt der Moderne gescheitert sei. Ihr Glanz sei fahl geworden. Was einst euphorisch verheißen worden sei, habe sich letztlich nicht erfüllt. Lyotard verwirft den blindwütigen Fortschrittsglauben, der daran festhält, dass sich schlussendlich alles zum Besseren wendet. Die Geschichte habe die Ideale der Moderne vielmehr pervertiert. So können wir, Lyotards Diagnose zufolge, weder von einem Vorrang des Individuums sprechen, noch sind die Massen frei. Säkularisierung und Demokratie erleben starke Gegenbewegungen. Die Ideale der Aufklärung sind folglich gescheitert.

Aber das ist noch nicht alles. Die Welt ist laut Lyotard noch viel mehr aus den Fugen. Verworfen wird der Begriff der Wahrheit und der Richtigkeit, denn: Die "großen Erzählungen", gemeint sind die der Gesellschaft zugrunde liegenden Erzählungen, die Sinn und einen einheitlichen Bezugsrahmen stiften, funktionieren nicht mehr. Anhand dieser Erzählungen können wir nicht mehr bestimmen, was ist oder was sein soll. Es gibt in der Postmoderne fortan keine Wahrheit mehr, kein allgemein verbindliches Richtig oder Falsch. So weit die Theorie. Und die Praxis scheint der Theorie in vielen Hinsichten das Wort zu reden.

Was aber bedeutet das für das einzelne Subjekt? Was macht es mit uns als dem Wortsinne nach Daruntergeworfene, wenn uns Wahrheit und sinnhafte Einheit des Ganzen um die Ohren fliegen? Wenn wir eine Vielzahl von konkurrierenden Wissensangeboten vorfinden und eine Fülle an Optionen, wie wir handeln und unser Leben gestalten können? Und: Wenn wir nicht mehr daran glauben, dass Geschichte schnurstracks zum Besseren hin marschiert?

Eine Epoche, in der nichts mehr genügt, sondern beinahe alles aus den Fugen ist, ist eine große Herausforderung für jeden Einzelnen. Wir stehen vor der Aufgabe, uns vor dem Horizont einer großen Vielfalt an Möglichkeiten zu orientieren, uns dann zu entwerfen und dabei für unser Selbst auch selbstverantwortlich zu sein. Und das ohne festen Bezugsrahmen. Die Gesellschaft vermag kaum mehr Einheit zu stiften, Kohärenz kann man suchen, aber kaum noch finden. Religionen sind als Orientierungshilfen nur ein Angebot unter vielen, die großen politischen Utopien verblassen. Rollenbilder zwischen Männern und Frauen verschwimmen, selbst Staaten scheinen unter suprastaatlichen Strukturen zu verschwinden. Was bleibt also?

Was bleibt, bin ich selbst mit meiner Urteilsfähigkeit – und mit der Aufgabe, Urteile zu fällen. Es geht heute primär um das Ich als je einzelnes Subjekt. Jean-Paul Sartre schreibt im Rahmen seiner radikalen Verantwortungsethik: "Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht." Ohne ihm an dieser Stelle kritiklos zuzustimmen, ist der Kern seiner Aussage doch richtig für die heutige Zeit. Wähle! Entwerfe Dich! Informiere Dich! Triff dann Entscheidungen und trage erhobenen Hauptes alle Konsequenzen! Das scheinen die kategorischen Imperative unserer Zeit zu sein.

Um aber diesen Anforderungen gerecht werden zu können, muss jeder Einzelne von uns über gewisse Fähigkeiten verfügen. Ganz grundlegend: Urteilsfähigkeit, Kritikfähigkeit – aber auch die Fähigkeit zur Freiheit. Ich darf mich nicht vor der Mannigfaltigkeit an Angeboten beirren lassen. Im Gegenteil: All diesen Möglichkeiten muss ich selbstbewusst entgegentreten. Jedes einzelne Subjekt muss also, nach Albert Camus, eine individuelle Sinnstiftung vollziehen. Und das unter erschwerten, postmodernen Bedingungen. Es muss für Sinnhaftigkeit in der eigenen Biografie Sorge tragen. Es muss sich um sich selbst sorgen. Mehr noch: Es muss ein Selbst zuallererst entwickeln. Dann kann es einer chaotischen Welt Stabilität entgegensetzen.

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Dieser Artikelauszug entstammt der Polytechnik 1/2017. Das Heft gibt es entweder als PDF-Download, oder aber als Druckversion frei Haus. Schreiben Sie uns dafür eine E-Mail an info@sptg.de mit Angabe Ihrer Anschrift.

Über die Autorin

Helena Esther Grass ist MainCampus-doctus-Stipendiatin der VI. Generation (2015 / 2016). Sie promoviert derzeit bei Prof. Dr. Martin Seel am Philosophischen Institut der Frankfurter Goethe-Universität. Ihr Promotionsthema lautet "Kritische Theorie und das gute Leben".