25. November 2019.

Wir wollen es wissen: die Straßen-Uni

von Jens-Ekkehard Bernerth

Eine Vortragsreihe für Obdach- und Wohnungslose - das ist die Straßen-Uni der Franziskustreff-Stiftung, der Katholischen Erwachsenenbildung und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Wir werfen einen Blick zurück auf das zurückliegende "Semester" dieses besonderen Bildungsangebotes, dessen erste Veranstaltung sich um die Geschichte Frankfurts drehte - und zu einem munteren, interessanten Dialog Geschichtsbegeisterter geriet.


In Frankfurt leben laut Schätzungen etwa 2.700 obdach- und 10.000 wohnungslose Menschen. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Zahlreiche soziale und kirchliche Träger stellen Notunterkünfte zur Verfügung, sorgen für eine warme Mahlzeit und versuchen beim Schritt zurück in ein „normales“ Leben zu helfen. Was es bislang in Frankfurt nicht gab, war ein Bildungsangebot, das sich an die Menschen richtet, die auf der Straße leben. Gemeinsam mit der Franziskustreff-Stiftung und der Katholischen Erwachsenenbildung bietet die Stiftung Polytechnische Gesellschaft deshalb seit Oktober 2019 das Projekt „Straßen-Uni“ an. Unter dem Motto „Wir wollen es wissen“ vermittelt die Straßen-Uni obdach- und wohnungslosen Menschen wissenschaftliche Zusammenhänge allgemeinverständlich und führt ohne Zugangsschwelle an interessante Wissensgebiete heran. Denn Bildung ist ein Menschenrecht und ein zentrales menschliches Bedürfnis.

Dr. Frank Berger, Kurator des Historischen Museums, kam als erster Dozent des neuen Formats zum Einsatz. Er nahm die Anwesenden, deren Altersspannweite von 30 bis circa 70 reichte, mit auf einen "kleinen Gang durch die Frankfurter Stadtgeschichte", wie er seinen etwa 45-minütigen Vortrag selbst umschrieb. Ursprünglich war angedacht, dass der Vortrag eine halbe Stunde dauert, die weiteren 30 Minuten sollten für Fragen genutzt werden. Doch war der Beteiligungsdrang der Besucherinnen und Besucher schon nach kurzer Zeit so groß, dass sich statt eines Frontalvortrags ein munterer Dialog entwickelte.

Fragen auf hohem Niveau

Besonders schön: Das Niveau der Fragen, das den Dozenten davon abweichen ließ, den Vortrag eher auf einem leicht verständlichen Level zu halten. Denn die Zuhörer forderten den Kurator, etwa wenn er den Wert von 200 Gulden in den Euro-Wert von heute umrechnen musste, was damals wie heute ein stattliches Vermögen darstellen würde. Viele kleine und große Geschichten ergaben einen stimmigen, lebendigen Beitrag, der den Zuhörern unter anderem erklärte, warum die Reblausplage um 1850 den Apfelwein nach Frankfurt brachte und das Ende der Winzerei markierte, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Banknoten der D-Mark in der Geheimaktion "Birddog" von Philadelphia nach Deutschland transportiert wurden, oder dass der Frankfurter Hauptbahnhof der Fernreisebahnhof mit dem größten Verkehrsaufkommen in Deutschland ist, was sich in einem munteren Exkurs über die Kapazität des Frankfurter Flughafens verglichen mit dem Berliner entsponn.

Die Zuhörer waren mit Eifer dabei, immer wieder raunte ein "Wow" oder "Das habe ich nicht gewusst" durch den Raum. Regelmäßig hoben sich Hände, um Details nachzufragen. "Was waren das damals für Güter, die im 12. Jahrhundert gehandelt wurden?", "Wurde Goethe vom Brand der Judengasse beim Schreiben des Faust inspiriert, als er half, Wassereimer für das Löschen des Feuers zu schleppen?", "Wie viele Groschen kostete das Leben im Mittelalter am Tag?". Auf alle Fragen konnte Dr. Berger souverän und zur Zufriedenheit aller die Antworten liefern, was vom Publikum wohlwollend honoriert wurde.

Am Ende waren alle Beteiligten sehr zufrieden. "Das war sehr interessant", freute sich einer. "Endlich mal was für den Kopf!", sagte eine andere. Und Bruder Michael vom Franziskustreff fasste passend zusammen: "Was gibt es Besseres, als seine Fragen beantwortet zu bekommen?!"

Dementsprechend stand für viele Besucher fest: "Bis nächste Woche, wir kommen wieder!"

Und tatsächlich kamen sie, und brachten auch mal Weggefährten und Freunde mit. Nicht nur beim folgenden Vortrag von Prof. Dr. Jochen Sander war der Saal gut gefüllt, der über weltberühmte Kunstwerke im Städel Museum referierte. „Money, Money, Money“ war das Thema der dritten Veranstaltung. Der Polytechniker Dr. Benedikt Fehr beantwortete Fragen wie „Wie wird Geld hergestellt?“, „Was ist eigentlich Geld?“ und „Warum ist es wichtig, eine stabile Währung zu haben?“. Nach einem Vortrag von Prof. Dr. Bernd Trocholepczy über Glaube und Religion ging das erste Semester der Straßen-Uni am 19. November mit einem Beitrag zum Thema „Gesund alt werden“ von Prof. Dr. Frank Oswald von der Goethe-Universität zu Ende. Mit 30 Besuchern war der Saal des Franziskustreffs gut besetzt. Ein wunderbares Zeichen für die Akzeptanz des Formats, und eine schöne Bestätigung für die Verantwortlichen, dass mit der Straßen-Uni ein in Frankfurt einzigartiges Bildungsformat der besonderen Art entstanden ist.

Und so viel ist sicher: Die Straßen-Uni soll weitergehen!