09. November 2018

Zehn Jahre Diesterweg-Stipendium: einzigartig, wertschätzend, befähigend

von Jens-Ekkehard Bernerth

Seit 2008 werden Familien im Rahmen des Diesterweg-Stipendiums umfassend begleitet und gefördert. Im Interview verraten Professor Dr. Roland Kaehlbrandt und Gisela von Auer von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft interessante Details zur zehnjährigen Historie des Familienstipendiums, sie berichten von den Anfängen, teilen besonders schöne Momente und geben einen Ausblick auf die Zukunftspläne für das Stipendium.

Foto: Dominik Buschardt


Es ist einzigartig in Deutschland. Das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern. Seit dem Start im Jahr 2008 wurden im Familienstipendium deutschlandweit 525 Familien gefördert, 2320 Menschen wurden begleitet, unterstützt, motiviert. Davon alleine 764 in Frankfurt, dem Geburtsort des Diesterweg-Stipendiums, wo jüngst erst die sechste Generation feierlich aufgenommen wurde. 

Von Beginn an wurde das Diesterweg-Stipendium mehrfach wissenschaftlich evaluiert. Stets wurde dem Programm Wirksamkeit attestiert. Auch aus schulpsychologischer Sicht wird dem Diesterweg-Stipendium bescheinigt, dass es Stipendiaten im Glauben an sich selbst und die eigenen Talente bestärke und die sozialen Spielräume und die Zugehörigkeit zu neuen Gemeinschaften erweitere, indem von- und miteinander gelernt werde. Das Diesterweg-Stipendium ist nicht nur ein Familienstipendium, sondern auch ein Chancen-Stipendium für Kinder und ihre Familien, es überwindet Bildungsbarrieren und erweitert Weltwissen. 

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Gisela von Auer haben beide von Anfang an das Programm geprägt und begleitet; Professor Kaehlbrandt als Initiator des Stipendiums, Frau von Auer als Projektleiterin. Seit zwei Jahren ist die ehemalige Lehrerin als Beauftragte für Nachhaltigkeit und Transfer im Bereich Bildung für das Diesterweg-Stipendium in Deutschland unterwegs, ihre Nachfolgerin Beate Moran konnte aufgrund einer Erkrankung leider nicht am Interview teilnehmen.

Professor Kaehlbrandt, wie ist Ihnen die Idee für das Projekt gekommen?

Kaehlbrandt: Wir hatten 2007 mit dem Deutschsommer begonnen, als ich ein Gespräch mit einer Frankfurter Schulleiterin hatte, die mir empfahl, nicht nur für die Kinder, sondern auch für deren Eltern etwas zu tun, um ihnen den Bildungsweg in Deutschland zu erleichtern. Daraufhin hatte ich die einfache Idee eines wertschätzenden und ermutigenden Bildungsstipendiums für die ganze Familie. Dieser Ansatz wurde dann auch durch Erfahrungen anderer Bildungspraktiker bestätigt, aber auch von den Erkenntnissen der Wissenschaft, beispielsweise von Prof. Sacher. Die Form des Stipendiums als eines Vertrages auf gegenseitige Leistung – der eine fördert, der andere macht etwas daraus – schien mir wegen des einladenden Charakters geeignet. Dabei sollte es aber nicht um Geldzuwendungen gehen, sondern um eine intensive pädagogische Begleitung der Familien in das Bildungssystem hinein, mit einer kleinen finanziellen Beigabe - 1.200 Euro insgesamt für die zwei Jahre – für Bildungsanschaffungen.

Gab es damals einen bestimmten Anlass, dass Sie das Diesterweg-Stipendium als Projekt etabliert haben?

Kaehlbrandt: Ausgangspunkt war wie gesagt der Deutschsommer. Dort lernten wir Kinder und Eltern bereits drei Wochen lang kennen – eine gute Voraussetzung, um Kinder mit Potenzial und ihre Eltern in ein anschließendes Projekt aufzunehmen. Außerdem hatten wir durch den Deutschsommer bereits gute Kontakte zu den Lehrkräften in den Grundschulen, deren Empfehlungen wir ja benötigten. Aber am wichtigsten für den Start war zunächst die Bereitschaft der Stadt und des Landes Hessen zu einer Partnerschaft.  Und die zeigte sich umgehend. Offenbar lag die Idee auf der Hand.

Frau von Auer, Professor Kaehlbrandt, was zeichnet Ihrer Meinung nach das Diesterweg-Stipendium besonders aus?

Von Auer: Das Besondere am Diesterweg-Stipendium ist, dass es Kinder gemeinsam mit ihren Eltern fördert – und dabei auch die Geschwister nicht außen vor lässt. Es gibt viele Förderprogramme für Kinder und es gibt viele Programme für Eltern. Aber dass die gesamte Familie in den Blick genommen und als Einheit angesehen wird, das gibt es nur im Diesterweg-Stipendium. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Kaehlbrandt: Kinder und Eltern werden gemeinsam gefördert. der Schwerpunkt ist der erfolgreiche Bildungsweg. Das ist eine gemeinsame Zielsetzung sehr unterschiedlicher Familien. Und diese Gemeinsamkeit ist wichtig.

Wie hebt sich das Diesterweg-Stipendium von anderen Stipendien ab, die sich ebenfalls als Familienstipendium bezeichnen?

Von Auer: Es gibt kein Familienstipendium, das dem Diesterweg-Stipendium entspricht. Das Diesterweg-Stipendium ist bisher das einzige Familienstipendium dieser Art. Andere Stipendien, die sich Familienstipendium nennen, fördern werdende oder junge Eltern in ihrer Aus- und Weiterbildung. Man könnte auch sagen: Das Diesterweg-Stipendium ist ein Bildungsstipendium für Familien. Gleichzeitig stärkt es als Familienstipendium die gesamte Familiengemeinschaft.

Inwiefern befähigt das Diesterweg-Stipendium die teilnehmenden Familien?

Kaehlbrandt: Es ist die Mischung aus Ermutigung, Wertschätzung und Bildungsorientierung, verkörpert durch eine sehr erfahrene Projektleitung, die die Familien zu größerer Kenntnis und Sicherheit im deutschen Bildungssystem befähigt. Zugleich wird ihnen die großen und vielfältigen Möglichkeiten eröffnet, die ihnen unsere Stadt, aber auch unser Land bietet. Wir bauen die Brücke.

Von Auer: Tatsächlich befähigt das Stipendium die Familien in ganz vielfältiger Weise. Zunächst einmal unterstützt es die Stipendiatenkinder beim Übergang von der 4. Klasse auf die weiterführende Schule. Sie werden fachlich gefördert, besonders sprachlich, ihr Erfahrungs- und Wissenshorizont wird erweitert. Aber vor allem werden sie durch den ganzheitlichen Ansatz des Stipendienprogramms in ihrem Selbstbewusstsein und in ihrem Selbstkonzept gestärkt. Sie lernen mehr über ihre Stärken und trauen sich mehr zu.

Die Eltern werden in ihrer Rolle als Bildungsbegleiter der Kinder wahrgenommen, ernstgenommen und gestärkt, denn sie sind für den Bildungsweg der Kinder am wichtigsten. Sie erfahren Anerkennung und Wertschätzung, aber auch Anregungen und Unterstützung. Das stärkt und befähigt sie in dieser Rolle.

Und schließlich wird die gesamte Familie als Bildungsgemeinschaft gesehen und gefördert. Das festigt verlässliche soziale Bindungen, so kann sich Potenzial besser entwickeln, und zwar das Potenzial der Kinder und das der Eltern.

Nach zehn Jahren dürften einige frühere Stipendiaten mittlerweile einen Abschluss in der Tasche haben. Was können Sie uns hierzu berichten?

Von Auer: Insgesamt sind nach der 4. Klasse bisher von insgesamt 150 Kindern 89 auf ein Gymnasium gewechselt, 34 auf eine Realschule, 27 auf eine Gesamtschule. Erfreulich ist, dass aktuell zwölf Stipendiaten der 1. Generation das Abitur abgelegt und ein Studium aufgenommen haben, darunter Physik, Internationales Management, Chemie, Lehramt und Architektur. Und das ist noch nicht alles, acht Stipendiaten der 1. und 2. Generation werden im nächsten Jahr das Fachabitur in Angriff nehmen, 15 Stipendiaten der 2. Generation werden 2019 die Abiturprüfung ablegen. Sieben Stipendiaten der 1. und 2. Generation befinden sich in Ausbildung zum KFZ Mechatroniker, Anlagenbauer, Gesundheits- und Krankenpfleger, Fachinformatiker, Bankkaufmann, Sozialassistentin und Techniker.

Von den tollen Schulerfolgen der ehemaligen Stipendiaten abgesehen: Was sind besonders schöne Erfolgsgeschichten?

Von Auer: Die besonderen Erfolgsgeschichten sind eigentlich die vielen "kleinen" Erfolge, die man gar nicht so richtig messen kann und die oft nur langfristig zu beobachten sind, die vielen kleinen Schritte, manchmal auch verbunden mit Umwegen, auf dem letztendlich dann doch erfolgreichen Weg zu einem Schulabschluss und in Studium und Beruf. Jedes Kind und jeder Jugendliche, das beziehungsweise der seinen Weg findet und jede Familie, die Anstöße aufnimmt, für sich selbst neue Möglichkeiten entdeckt und sich so weiterentwickelt, jede Person, die hier in unserer Gesellschaft besser angekommen ist und sich vielleicht sogar engagiert, schreibt eine Erfolgsgeschichte.

Eine ganz besonders eindrückliche Erfolgsgeschichte hat ein jetzt 15-jähriger Stipendiat aus der 3. Generation (2012-2014) geschrieben, der von seiner Schule für ein Auslandsstipendium des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP), organisiert vom Deutschen Bundestag und vom US-Congress, vorgeschlagen wurde, sich in einem Bewerbungsverfahren beweisen konnte und nun für ein Jahr in Seattle bei einer Gastfamilie wohnt und dort die Schule besucht. Zudem hat er das Aufnahmeverfahren für die Internatsschule Schloss Hansenberg des Landes Hessen für besonders begabte Jugendliche bestanden und wird nach seiner Rückkehr im Sommer 2019 dort die gymnasiale Oberstufe besuchen. In diesem Zusammenhang ist auch die Bereitschaft der Eltern, ihren Sohn in die Fremde ziehen zu lassen, als große Leistung zu würdigen!

Hat sich das Projekt im Verlauf der zehn Jahre verändert?

Kaehlbrandt: Die Grundanlage ist unverändert. Wir haben aber noch einiges erweitert. So gibt es das Projekt Diesterweg plus, das die Familien nach den zwei Jahren in ein Anschlussprogramm aufnimmt, durchgeführt vom Haus der Volksarbeit in Frankfurt. Für ehemalige Stipendiaten haben wir eine Berufsvorbereitung angebaut. Auch Sprachkurse werden nach der Stipendienzeit fortgesetzt. Inzwischen haben wir mit Geschichtskursen über Deutschland begonnen. Ja, das ist wichtig! Es geht doch auch darum, so viel wie möglich über das Land zu wissen, in dem man lebt. Außerdem wurde das Diesterweg-Stipendium gemeinsam mit Partnern in zwei Frankfurter Großunterkünften für Flüchtlinge als einjähriges Programm angeboten. Und: Wir haben gelernt, andere Standorte zu beraten, die das Projekt aufbauen wollen. Durch diese hinzugekommenen neun Standorte haben wir wiederum viele neue kluge Anregungen bekommen. Wir sind eine echte Lerngemeinschaft geworden.

Frau von Auer, in Ihrer Rolle als Transferbeauftragte: Inwiefern unterscheiden sich die Standorte in anderen Städten vom Frankfurter Diesterweg-Stipendium?

Von Auer: Das Konzept, die Ziele und die einzelnen Module des Diesterweg-Stipendiums sind an jedem Standort gleich. Das ist so in unseren Kooperationsverträgen festgeschrieben. Jedoch hat jeder Standort seine regionalen Besonderheiten, und das ist ja auch gut so. Denn das Diesterweg-Stipendium wirkt vor Ort und muss regional verankert sein. Das beginnt schon bei den Trägern. Neben Stiftungen oder Stiftungsverbünden, unterstützt durch private Förderer, ist das zum Beispiel in Berlin-Spandau eine Wohnungsbaugesellschaft, in Hanau der Magistrat, der das Diesterweg-Stipendium als Teil seiner Bildungsoffensive installiert hat, in Hamburg ist es eine Bürgergesellschaft, die Patriotische Gesellschaft von 1765. In Dortmund ist das Diesterweg-Stipendium an die Schulbehörde angedockt, in Osnabrück an das lokale Bildungsbüro. Die durchführenden Organisationen sind in Frankfurt die Stiftung, also der Träger selbst, ebenso wie in Offenbach und Hamburg, in Darmstadt die Diakonie, in Hannover und Berlin-Spandau die AWO, in Hanau und in Duisburg ein stadtnaher Bildungsverein. Doch gibt es auch manchmal inhaltliche Unterschiede, in Offenbach etwa wird im Rahmen des Diesterweg-Stipendiums ein Musik-Stipendium angeboten.

Ein Blick in die Zukunft: Was sind die Pläne für kommende Generationen?

Kaehlbrandt: Wir wollen deutsche Landeskunde und Geschichte intensivieren. Da gibt es noch viel zu vermitteln und zu lernen! Das ist ohnehin ein Querschnittsthema, das wir in der Stiftung derzeit an mehreren Stellen angehen.

Von Auer: Das empfinde ich auch so. Ich persönlich sehe die Herausforderung darin, die Themen "Mein, dein, unser Deutschland" und "Demokratie stärken" stärker in den Fokus zu rücken. Denn dadurch, dass sich unsere Zielgruppe im Laufe der vergangenen zehn Jahre dahingehend verändert hat, dass mehr geflüchtete Familien in das Diesterweg-Stipendium aufgenommen werden, die noch nicht so lange in Deutschland sind, gibt es neue Herausforderungen. Das betrifft nicht nur die intensivere Förderung der deutschen Sprache für Kinder und Eltern. Fragen wie: Was können wir für eine starke und demokratische Gesellschaft tun? Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen? oder Wie können wir uns für ein demokratisches Miteinander engagieren? gewinnen an Bedeutung.

Zum Abschluss: Was sind für Sie besonders herausragende Momente in den Jahren gewesen?

Kaehlbrandt: Natürlich die erste Generation vor zehn Jahren: der Stolz der Eltern und die freudige Aufgeregtheit der Kinder. Wir merkten, dass wir auf richtigem Kurs waren, was man ja vorher nicht hundertprozentig weiß. Und dann sieben Jahre später, als wir die ersten Stadtteil-Botschafter aus den ehemaligen Diesterweg-Stipendiaten aufnahmen, zwei Brüder, die neuen Zuwanderern in Frankfurt ehrenamtlich Deutschunterricht gaben. Da schloss sich der Kreis. Da wurde die erlebte Förderung unserer Gesellschaft unmittelbar zurückgegeben. Dass sich einmal in unserer eigenen Projektkette der Kreis so schließen würde – das hatte ich nur insgeheim gehofft

Von Auer: Jedes der vier Aufnahmefeste, die ich als Projektleiterin 2008, 2010, 2012 und 2014 erleben durfte, waren ganz besondere Ereignisse: Fein herausgeputzte Familien, die uns mit großen Augen anschauten und die noch nicht so recht wussten, was sie erwartet, aber die sehr stolz waren und die die große Wertschätzung, die sie bei diesen Festen erfuhren, sichtlich genossen.

Auch die Offenheit und das Vertrauen der Familien, das ich insbesondere bei den Hausbesuchen erfahren habe, waren schon sehr anrührend.

Aber ein ganz besonderes Erlebnis war am 11. Dezember 2015 die Lesung von Diesterweg-Stipendium-Mütter der 1. und 2. Generation in der Stadtbücherei Frankfurt vor großem Publikum. Diese Mütter hatten in etwas mehr als einem Jahr in einem Biografieworkshop ihre Wege aus dem Herkunftsland und ihr Ankommen in Deutschland aufgearbeitet und in einer anschließenden Schreibwerkstatt - oft mit Hilfe ihrer Kinder - zu Papier gebracht. In dem Büchlein "Von blauen Minis, Flügeln und Kamelen – Sieben Frauen erzählen von ihren Wegen nach und in Deutschland" sind die Texte veröffentlicht.

Zu erleben, wie diese Frauen in der Zeit des Biografieworkshops und der Schreibwerkstatt gewachsen sind, sich immer mehr zugetraut haben, sogar ihre Texte auf Deutsch zu schreiben, und dann den Auftritt in der Stadtbücherei sehr selbstbewusst genießen konnten, stolz ihre Bücher signiert haben, das hat mich zu Tränen gerührt.

Fotos (von oben nach unten):

1. Aufmacher: Abschlussbild der fünften Generation (Dominik Buschardt)

2. Die zweite Generation im Senckenberg-Museum (Dominik Buschardt)

3. Kabinettssitzung der dritten Generation in der Stadtteilbibliothek Griesheim (Dominik Buschardt)

4. Ausflug der fünften Generation ins Bieneninstitut Oberursel (Dominik Buschardt)

5. Lesung "Von blauen Minis, Flügeln und Kamelen" (Philipp Eichler)

Weitere Informationen und Stimmen zum Jubiläum finden Sie in der Pressemitteilung (PDF), generelle Informationen zum Stipendium auf der Projektseite.